Mickelson, McIlroy und Co. – wenn der „Bro“ den Berufs-Caddie ersetzt
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Mickelson, McIlroy und Co. – wenn der „Bro“ den Berufs-Caddie ersetzt

Phänomen im Top-Golf: Viele Profis vertrauen nahestehenden Menschen das Bag an. Westwood und Lexi Thompson als jüngste Beispiele.

Phil Mickelson mit seinem Bruder Tim Mickelson als Caddie. (Foto: Getty)
Phil Mickelson mit seinem Bruder Tim Mickelson als Caddie. (Foto: Getty)

Tendenz oder Zufall? Auf der großen Golfbühne ist ein Phänomen zu beobachten: Top-Profis trennen sich von ihren renommierten Caddies, übergeben das Bag stattdessen persönlich nahestehenden Menschen, Familienmitgliedern etwa, Partnern oder engen Freunden. Und die Entscheidung wird sogar zum Erfolgsmodell. Lexi Thompson beendete Mitte November beim Saisonfinale der LPGA Tour eine sportlich wie privat schwierige Spielzeit mit dem Gewinn der CME Group Tour Championship, kurz vorher hatte die Amerikanerin ihrem Caddie Kevin McAlpin den Laufpass gegeben und sich Bruder Curtis zur Unterstützung geholt. Ein paar Tage früher feierte Lee Westwood in Südafrika das erste Turnier-Erfolgserlebnis seit 2014, der englische Veteran hatte bei der Nedbank Golf Challenge nicht mehr den langjährigen Weggefährten Billy Foster an der Seite, sondern Lebensgefährtin Helen Storey.

„Lefty“ und „Bones“ trennten sich nach 25 Jahren

„Das funktioniert echt klasse“, gab „Westy“ anschließend zu Protokoll. „Helen hat jetzt das zweite Mal für mich den Caddie gemacht, und beim ersten Mal habe ich in Dänemark erst im Play-off den Kürzeren gezogen. Diese Quote lässt einen schon über die Caddie-Frage ganz neu nachdenken.“ Nicht nur ihn!

Dustin Johnson geht seit Jahr und Tag mit Bruder Austin auf die Runde, der dafür sein Berufsziel als Pharmavertreter aufgab. Patrick Reed vertraute erst seiner Frau Justine und nunmehr Schwager Kessler Karain, einem ehemaligen Handlungseisenden für medizinisches Zubehör. Rory McIlroy ersetzte den erfahrenen JP Fitzgerald durch Kumpel Harry Diamond, der hauptberuflich eigentlich etliche Bars betreibt. Das populärste Splitting der jüngeren Vergangenheit war sicher die „Scheidung“ von Phil Mickelson und Jim „Bones“ Mackay nach 25 Jahren, den Job übernahm „Leftys“ Bruder Tim.

Sportpsychologe: „Darauf achten, wer sich wen an die Tasche holt“

Was steckt hinter solchen Konstellationen? Die Sehnsucht nach einem Stück Privatheit im 24/7-Profileben, wo der Spieler nicht selten selbst Abends noch mit seinem Team am Esstisch hockt? Die Erkenntnis, dass es angesichts der modernen Technik mit Apps und Distanzmessern sowie ausgeklügelten Yardagebooks keines ausgewiesenen Fachmanns mehr bedarf – sondern lieber eines Vertrauten, der einen in sportlich guten wie schlechten Zeiten so unmittelbar erlebt wie das ein Caddie nun mal tut?



„Eine generelle Erklärung ist ziemlich schwierig“ sagt der Münchner Sportpsychologe Nils Bühring und warnt vor dem Fehler, das Thema zu verallgemeinern: „Erstens ist es aus statistischer Sicht kein relevantes Phänomen, zweitens muss man bei der Betrachtung sehr genau darauf achten, wer sich wen an die Tasche holt.“ Die neuen Weggefährten seien zumeist ja keineswegs golferische Anfänger. Stimmt. Lexi Thompsons Bruder beispielsweise gehört zur Web.com-Tour. Tim Mickelson war jahrelang Trainer des Golfteams der Arizona State University und zudem Manager von Jon Rahm. Harry Diamond hatte mal ein Handicap von +2,5 und hätte als 2012er Champion von West-Irland auch selbst eine Karriere im bezahlten Golf starten können.

„Erfahrene Spieler wissen genau, was sie vom Caddie brauchen“

„Beim Einstieg in den Profisport hilft ein Profi-Caddie mit seinen Kenntnissen ungemein, für einen Jungprofi ist so was essentiell“, betont Bühring, der selbst Turniergolf gespielt hat und seit 2007 unter anderem European-Tour- sowie Challenge-Tour-Akteure betreut. „Aber Leute wie McIlroy und Co. haben so viel Erfahrung, die wissen genau, was sie von ihrem Caddie brauchen. Vielleicht etwas mehr Spaß auf dem Platz, vielleicht einfach einen Wechsel. Es kann so viele Gründe haben…“

Und kaum einer ist so offen wie Westwood-„Bag Man“ Foster, der unverblümt angab: „Lee wollte komplett anders arbeiten, als wir es zuvor gemeinsam getan haben, was mich letztlich zu einem simplen Taschenträger gemacht hat. Das entspricht nicht meiner Auffassung vom Job des Caddies und führte ab und an zu etwas ungemütlicher Atmosphäre auf dem Platz.“



„Zeit für Veränderung“ als beliebte Floskel

„Wir hatten das Gefühl, es sei Zeit für eine Veränderung“: Dieses von Mickelson und Mackay verbreitete Trennungsstatement ist eine beliebte Floskel. Einher ging das in deren Fall indes mit gegenseitigen Respekts- und Sympathiekundgebungen, immerhin waren die beiden mehr als nur Geschäftspartner. Quasi jeweils Familienangehörige, Trauzeugen überdies, Freunde sowieso: „Ich bin dankbar, dass ich Phils Karriere so lang begleiten durfte“, verlautbarte Mackay. „Seit dem Tag unserer ersten Begegnung ist ,Bones‘ einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben und ich kann ihm nicht genug für all das danken, was er für mich getan hat“, schrieb Mickelson. Die wahren Gründe blieben dahinter verborgen – wenn es denn überhaupt welche gab.

„Ist Phil vielleicht mit seinen Erwartungen an die Verfügbarkeit von ,Bones‘ zu zügellos geworden? Gab es Dissonanzen bezüglich der Entschädigung in den erfolglosen Zeiten? Ist das gegenseitige Vertrauen erodiert – hat Phil auf Geheiß von ,Bones‘ zu oft einen falschen Schläger gezogen, oder ging es ,Bones‘ irgendwann zu sehr unter die Haut, dass Phil sein Wissen ständig ignoriert hat?“, spekulierte „Golf Digest“. Eine konkrete Antwort wird es nie geben. Auch Mike „Fluff“ Cowan weiß keine, dabei ist der 70-Jährige als Caddie von Peter Jacobsen, Tiger Woods und seit 1999 Jim Furyk wahrlich ein Insider: „Da ist nie ein Muster. Obwohl ich sagen würde, dass mehr Profis ihre Caddies gehen lassen als umgekehrt. Manchmal will der Spieler einfach ein neues Gesicht zum Anschauen.“

Stenson baut beim Wechsel wieder auf einen Gelernten

Sportpsychologe Bühring, der sich mit anderen selbständigen Sportpsychologen und Mentalcoaches zum Teamprojekt „Sportpsychologie München“ zusammengeschlossen hat, findet es dabei nicht im mindesten abwegig, dieses Bedürfnis mit einem Verwandten oder einem guten Kumpel zu kompensieren. „Wahrscheinlich geht es oft tatsächlich darum, den Trott zu unterbrechen, eine andere Ansprache zu bekommen. Es ist eher äußerst professionell, das auch auf diesem Weg zu versuchen. Es geht nicht um den Besten, sondern um jemanden, der mich kennt und der mir gibt, was ich brauche.“





Als vorerst letzter gönnt Henrik Stenson gerade seinem langjährigen „Looper“ Gareth Lord auf unbestimmte Zeit eine Pause. Auch, weil dieser eine Operation zu absolvieren hatte. Der Schwede freilich holte sich mit Scott Vail, dem „Ex“ von Brandt Snedeker, wieder einen Gelernten ins Boot. Offensichtlich muss man trotz des Trends zum „Bro“ am Bag nicht um den Berufsstand des Profi-Caddies fürchten. „Du probierst eine Partnerschaft aus, gibst ihr ein paar Wochen und schaust, wie es läuft“, sagte der „Iceman“ zum neuen Partner und fügte grinsend an. „Wir sind gerade in der Dating-Phase.“

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