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„Golf ist ein Weg zu sich und zu einem gesunderen, bewussteren Ich“

Ein Gespräch mit der Hamburger Gesundheitswissenschaftlerin Andrea S. Klahre über mentales Training und das Spiel fürs Leben.

Die Hamburger Gesundheitswissenschaftlerin Andrea S. Klahre klärt auf: Golf ist gesund! (Foto: Getty)
Die Hamburger Gesundheitswissenschaftlerin Andrea S. Klahre klärt auf: Golf ist gesund! (Foto: Getty)

Golf Post: Frau Klahre, Bibliotheken ließen sich mit sportpsychologischen Ratgebern füllen, das Netz quillt über von Denk-Tipps, und kein Profigolfer kommt mehr ohne Mentalcoach aus. Welche Bedeutung haben derartige Hilfen für den spaßmäßig ambitionierten Sportkameraden?

Andrea S. Klahre: Häufig habe ich in Golfclubs den Eindruck, der spaßmäßig ambitionierte Sportkamerad ist in der Generation Fünfzig-Minus eine seltene Spezies. Darunter verstehe ich Menschen, die regelmäßig allein oder mit anderen und auch mal unter Wettkampfbedingungen ihre Runden drehen, immer mit großer Freude am Spiel, mit gesundem Ehrgeiz und Sportsgeist selbst in herausfordernden Momenten. Mir fällt da der Satz des römischen Dichters Ovid ein: „Im Spiel verraten wir, wes Geistes Kind wir sind“.

Braucht so jemand überhaupt ein Mentalcoaching?

Klahre: Mit diesem Typus wird ein professioneller Trainer oder Coach an anderen Themen arbeiten als mit jemandem, für den ein Golfplatz die Fortsetzung von Arbeitsdruck mit anderen Mitteln ist, was unweigerlich in Freizeitstress und Frust mündet. Schlimmstenfalls vergibt er die Chance, sich den viel beschworenen Spirit of the Game zu erschließen.

Das klingt jetzt nach einer echten Herausforderung für einen Coach?



Klahre: Die Techniken sind gleich, weil sie immer aus psychologischen Verfahren entwickelt worden sind, nur individuell abgestimmt werden. Es geht im besten Fall nicht nur ums Training von Bewegungsabläufen, sondern auch um die Arbeit an kognitiven Fertigkeiten. Bernhard Langer hat mal gesagt: „Du musst dich über den Platz denken“. Golfspielen sei Schach, auch für den Körper. Mentales Training steht für einen Überbegriff von verschiedenen Techniken, die rein gedanklich durchgeführt werden – und das planmäßig und sich wiederholend durch Vorstellung und Visualisierung. In meinem eigenen Training kommt noch das Verbale hinzu, wir entwickeln und verankern Kernsätze. Grundlage für all das sind aber stets Zustände tiefer Entspannung. Das Ziel besteht immer darin, eigene Leistungen zu verbessern beziehungsweise Ressourcen im richtigen Moment vollständig abrufen zu können.

„Richtiger Moment“ klingt wieder nach Leistungserwartung.

Klahre: Der richtige Moment ist der Zustand, in dem wir abschalten vom Alltag, klar, konzentriert und ganz bei uns sind, um dann hoch motiviert außergewöhnliche geistige und körperliche Leistungen vollbringen zu können. Das ist gleichsam das Prinzip des Homo Ludens, des spielenden Menschen: Momente der Euphorie, in die Menschen geraten, die sich selbst verwirklichen. Andere nennen es Glück.

Letztlich ein chemischer Prozess?

Klahre: Ja, in solchen Momenten werden im Gehirn Kaskaden von Endorphinen in die Blutbahnen ausgeschüttet. Endorphine sind Schmerzbotenstoffe, die in Notfällen und bei bestimmten körperlichen Anstrengungen freigesetzt werden. Dann lindern sie Schmerzen, regulieren Hunger oder sorgen eben für ausgesprochen gute Laune. Darüber hinaus werden weitere wichtige Botenstoffe aktiviert, das Serotonin und Dopamin, zuständig für Glücksgefühle.



Als Therapeutin sind Sie ganzheitlich orientiert. Welche Konzepte liegen Ihrer Arbeit zugrunde und wie lässt sich das aufs Golfspiel und den Golfer herunterbrechen?

Klahre: Mein Thema ist die Prävention. Ich beschäftige mich seit langem mit den Themen eines eigenverantwortlichen, bewussten und gesunden Lebensstils und gebe das an Klienten mit gesundheitlichen Fragestellungen weiter. Das für mich schlüssigste Konzept ist die Mind Body Medicine (MBM), die in den 1970er Jahren an der Harvard University in Boston als Teil der Integrativen Medizin etabliert und Anfang 2000 nach Deutschland importiert wurde. Die MBM konzentriert sich auf das Zusammenspiel von Psyche, Geist, Körper und Verhalten und stellt die Frage, wie der Mensch seinen Alltag gestaltet – zum Beispiel bei Ernährung, Bewegung, Entspannung, Selbsthilfestrategien, sozialer Einbindung. Erweitert wird das Ganze mit Erkenntnissen aus der Stress-, Motivations- und Hirnforschung.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Klahre: Als MBM-Therapeutin und Präventologin unterstütze ich Menschen – erkrankte und solche, die sich noch gesund, aber nicht ganz fit fühlen – darin, einen gesundheitsförderlichen Lebensstil zu erhalten oder zu entwickeln. Im Vordergrund steht der achtsame Umgang mit Stress und das große Thema der Selbstführung.

 

"Kein anderer Sport ist enger mit der geistigen Einstellung verbunden als Golf": Andrea S. Klahre, Gesundheitswissenschaftlerin, Therapeutin für Mind Body Medizin und Präventologin aus Hamburg.

"Kein anderer Sport ist enger mit der geistigen Einstellung verbunden als Golf": Andrea S. Klahre, Gesundheitswissenschaftlerin, Therapeutin für Mind Body Medizin und Präventologin aus Hamburg.





Die MBM und die Präventologie haben viel zu tun mit den Modellen der Salutogenese und der Resilienz. Das erste Prinzip geht der Frage nach, wie trotz widriger Umstände Gesundheit entstehen kann. Das zweite bedeutet seelische Widerstandskraft und damit eine ureigene Kraftquelle, die uns hilft, in schwierigen Zeiten gesund zu reagieren und handeln, und selbst Belastendes positiv zu bewerten. Nach dem Motto: Das Glas ist immer halb voll.

Das hilft auch auf dem Golfplatz?

Klahre: Wenn man sich wirklich auf das Wesen des Spiels einlässt, kann Golf genau das spiegeln. Es gibt Menschen, die sagen, dass kein anderer Sport enger mit der geistigen Einstellung verbunden ist. Damit entspricht die geistige Einstellung zum oder beim Golf einer inneren Haltung zum Spiel des Lebens. Im Regelbuch der R&A von 2016 heißt es: „Play the ball as it lies…“

… so, wie es der legendäre Bobby Jones mit seiner unheilbaren Rückenmarkserkrankung getan hat.

Klahre: Ja, was man dann übersetzen kann mit „Nimm an, was ist und mach das Beste draus“. Und wenn Du nicht weißt, wie es geht, bring Dich in Stellung, probier was Neues, überschreite Deine Grenzen und nimm wahr, wie sich das anfühlt. In jedem Fall: Genieß die Herausforderung, Du kannst nur wachsen! In dem Sinne macht Golf nicht nur gesund, es hält gesund.

Das haben wir unlängst schon thematisiert, die internistischen Vorteile ebenso wie das dafür nötige psychische Fundament.

Klahre: Golf ist heilsam und Balsam für die Seele. Im Zen-Buddhismus gibt es dieses Bild von „Golf als Weg“. Wenn wir das nehmen, dann ist der Weg über einen Golfplatz immer auch ein Weg zu sich – unabhängig von der Wertung anderer, vor allem aber unabhängig von der eigenen Wertung. Zen bedeutet Versenkung, im Dialog sein mit der Ruhe, Selbstbeherrschung und Präsenz im Moment.

Dafür ist es notwendig, bewusst zu entspannen. Auf körperlicher Ebene durch das Lösen von Muskelspannungen und einen beruhigten Atem. Auf mentaler Ebene geht es um das Wahrnehmen und „Ziehen lassen“ negativer Gedanken oder zwanghafter Sorgen. Und auf emotionaler Ebene geht es darum, Unaufgeregtheit, mehr Selbstakzeptanz und inneren Frieden zu entwickeln. Das alles kann man lernen. Allerdings heißt das Ziel nicht, immer entspannt zu sein. Ziel ist es, Entspannungsfähigkeit zu entwickeln und die Lieblingstechnik/en routinemäßig in den Alltag zu integrieren. Der regelmäßige Wechsel zwischen An- und Entspannung macht einen gesunden Lebensstil aus.

Und eine gesunde Golfpsyche macht mental fit für den Alltag, den Job?

Klahre: Die Rückkopplungseffekte für das Berufsleben liegen auf der Hand. Wer fit ist, kann psychischen Belastungen und Erkrankungen durch zuviel Stress während der Arbeit vorbeugen, hat eine Studie des Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung an der TU Dortmund gezeigt. Andererseits: Menschen, die Golf als Puffer zwischen den Prinzipien der Hochleistungsgesellschaft, den damit verbundenen Überforderungen und ihren privaten Sorgen nutzen – die im Golfspiel lernen, ihre Ressourcen zu aktivieren, können ihre Lebensqualität bestimmen und positive Kreisläufe schaffen. Zufriedenheit strahlt schließlich auf das Umfeld ab – auf das private und auf das Arbeitsumfeld. Golf kann so viel bieten, um langfristig auch in anderen Lebensbereichen zufrieden zu werden. (http://secondavita.de)

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